Unser Konzept
für eine Gemeindekirche

Kirche ganz neu denken

Die hohen Austrittszahlen, der Einbruch der Kirchensteuer, sinkende finanzielle Ressourcen sowie der mangelnde Nachwuchs fordern ein Umdenken hinsichtlich der Gesamtstruktur unserer bayerischen Landeskirche. Die Transformation, die die kirchenleitenden Organe auf den Weg gebracht haben, gehen unserer Meinung nach in die falsche Richtung. Die angebliche Alternativlosigkeit dieses Weges teilen wir nicht. Wie kann die Kirche bei all diesen Entwicklungen in Zukunft aussehen? Welche Veränderungen sind nötig? Wir sind überzeugt davon, dass man noch einmal ganz neu ansetzen muss unter dem Gesichtspunkt: „Was müssen wir unbedingt erhalten? Was sind die Prioritäten?“ Wenn die Spielräume und Möglichkeiten so klein werden, dann muss man sich auf das Wesentliche beschränken. Deshalb braucht es ein neues Leitbild: eine Kirche, die das Hauptgewicht auf die persönlichen Beziehungen und die Nähe zu den Menschen legt. Wir plädieren für die Errichtung einer Gemeindekirche, was sich sowohl theologisch als auch soziologisch gut begründen lässt. Das erfordert ein wesentliches Umdenken bei den bisherigen Zukunftsstrategien.

Grundsätzliches

Die Kirchengemeinde ist die primäre Gestalt der Kirche. Sie ist es, weil sich hier Kirche konstituiert in dem Geschehen um Wort und Sakrament. Dort, wo der Taufstein steht und der Altar, da ist Kirche. Und sie ist nicht ein Teil der Gesamt- oder Universalkirche, sondern sie ist Gesamt- und Universalkirche in ihrer lokalen Konkretion von Kirche. Andere Organisationsformen sind bedeutend und wichtig, aber sekundär und sie müssen eigentlich Hilfsdienst und Dienstleister für die Gemeinden sein. Eine größere Zentralisierung der Macht widerspricht einem protestantischen Kirchenverständnis.

Konzeptionelles

Auf dem Weg zu einer Gemeindekirche
1. Landesstellenplan

> Ortsgemeinden sollen so viele wie möglich erhalten bleiben.
Die Landeskirche beteuert gebetsmühlenartig: „Trotz Regionalgemeinden bleiben die Ortsgemeinden erhalten“ Sie sollen bei allen geplanten Veränderungen und wesentlich weniger Personal Orte lebendig gelebten Evangeliums bleiben. Die Regionalgemeinden ersetzen zukünftig die Pfarreien und übernehmen ihre Funktionen als räumlich bestimmter Seelsorge- und Verwaltungsbereich. Inhaltliche Arbeit kann damit weiterhin in den einzelnen Gemeinden geschehen. Soll man das ernsthaft glauben?
Ja natürlich bleiben Ortsgemeinden nach außen faktisch erhalten als Körperschaft des öffentlichen Rechts, in der praktischen Umsetzung aber werden Ortskirchengemeinden (vor allem kleinere) keine Rolle mehr spielen. Eine fatale Entwicklung.

> Schritt für Schritt wird der landesweite Dienst zurückgefahren.
Priorität hat das Pfarramt in der Ortsgemeinde.
Es gibt mehr als die Ortsgemeinde und das ist für unsere Kirche ein großer Segen. Aber es wird in Zukunft nicht mehr möglich sein, beides zu bedienen

> Übergemeindliche, unaufgebbare Aufgaben werden mit einem Gemeindepfarramt verbunden.

> Es wird geprüft, inwieweit Menschen im landesweiten Dienst Religionsunterricht geben können.
Abgeschafft wird – wie es zur Zeit üblich ist, dass GemeindepfarrerInnen auf Grund hoher Belastung auf Antrag weniger oder gar keinen Religionsunterricht geben, ihnen ein nicht unwesentlicher Teil des Gehaltes gestrichen wird. Entscheidungen darüber muss das Dekanat treffen.

> Die Größe einer Gemeinde, in der eine Pfarrstelle eingerichtet ist, muss überschaubar bleiben.
Eine Zahl von 8500 Gemeindegliedern ist das nicht.
Aufgrund des letzten Landesstellenplans waren bayernweit Kirchengemeinden gezwungen mit anderen zu fusionieren, um eine ganze Pfarrstelle abbilden zu können Auf einer Landpfarrstelle mussten dazu 1500 Gemeindeglieder nachweisbar vorhanden sein. Nach diesen Fusionen müssen diese neuen Gemeindeverbünde nach und nach erst zusammenwachsen, die Menschen brauchen Zeit, um sich an diese neuen Strukturen zu gewöhnen. Wenn nun sofort im nächsten Zug die Überführung eines gerade erst fusionierten Gemeindeverbunds in eine unüberschaubare Regionalgemeinde erfolgt (mit bis zu 8500 Gemeindeglieder), wird das die Menschen komplett überfordern, sie können das Tempo nicht mitgehen, viele werden dadurch der Kirche den Rücken kehren. Die Schaffung von sogenannten Regionalgemeinden oder Nachbarschaftsräumen wird zur Entfremdung vieler Gemeindeglieder zu ihrer Kirche führen, weil Identifikation verloren geht, die Austrittswelle wird zunehmen und ein Großteil der Ehrenamtlichen wird sich aus dem aktiven Gemeindeleben zurückziehen.

> Gemeinden können kooperieren, fusionieren, sich in Regionen zusammenschließen. Die Entscheidung darüber trifft der jeweilige Ortskirchenvorstand. Region entsteht dort, wo Zusammenarbeit überzeugt – nicht dort, wo sie verordnet wird.

> Das Instrument der Vakanzquote wird wieder eingeführt.
Die Höhe der Quote richtet sich nach den tatsächlichen Vakanzen und StelleninhaberInnen. Das bedeutet: in jedem Dekanat gibt es die gleiche Quote. Wenn eine weitere Pfarrstelle frei wird, bleibt diese frei und die am längsten vakante wird besetzt. Die Vakanzquote gilt auch für den landesweiten Dienst.

> Ehrenamtlichen können in überschaubaren Ortsgemeinden leichter Leitungsaufgaben übertragen werden, da sie dort eher bereit sind, Zeit und Kraft zu investieren, in großen Regionalgemeinden wird das Engagement dafür nicht mehr gegeben sein. Der Kirchenvorstand kann delegieren und besetzen.

> Multiprofessionelle Teams unterstützen die Arbeit in den Ortsgemeinden.

> Alle, die ein Funktionsamt in unserer Kirche anstreben, müssen zuvor sechs Jahre Gemeindedienst nachweisen. Damit soll eine Vernetzung zwischen landesweitem Dienst und Gemeinden erreicht werden.

> Dekanatsstellen sollen einen Anteil an Gemeindearbeit beinhalten. Die Aufgaben der mittleren Ebene werden neu bestimmt. Es muss ein geistliches Amt bleiben und nicht nur durch Personal- und Manageraufgaben definiert werden. Die Größe eines Dekanates ist dem anzupassen. Sie unterstützt die Gemeinde bei Verwaltungsaufgaben ohne deren Hoheitsrechte zu beschneiden.

> Oberste Priorität muss dem theologischen Nachwuchs eingeräumt werden. Eine Zugangsbegrenzung, wie sie derzeit praktiziert wird, ist aufzuheben.

Wenn es künftig in Gemeinden und Dekanatsbezirken 25% weniger Personal gibt, werden Regionalgemeinden mit einer kleinen Zahl von Geistlichen auskommen müssen, die ihren Dienst nur noch im Sinn einer „Servicekirche“ ausüben können. Sparen am Personal ist deshalb der falsche Weg.

2. Finanzielles

> Die Finanz-, die Bau- und die Personalhoheit muss auf Gemeindeebene angesiedelt werden.

> Das bedeutet: der Anteil der Kirchensteuermittel, der an die Gemeinden zurückfließt, ist deutlich zu erhöhen, damit diese in eigener Verantwortung entscheiden können.
80%, wie vor Jahren immer behauptet wurde, wäre angebracht.
⅓ der Gemeindeglieder zahlt im Durchschnitt Kirchensteuer und bringt dabei im Durchschnitt 1000 Euro pro Jahr ein.
In einer Gemeinde mit 3000 Mitgliedern zahlen also 1000 Personen im Durchschnitt 1000 Euro, das ergibt eine Million Euro. Davon werden die Mitarbeitenden und die Verwaltung bezahlt und die Gemeinden erhalten Zuweisungen zum Haushalt und zum Bauunterhalt. Aber sind das wirklich ⅔ der Kirchensteuer, wie immer behauptet wird?

> Die Ortsgemeinde entscheidet über ihre Immobilen im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten.

> Gemeinden können andere finanziell unterstützen, was die Solidarität unter den Gemeinden fördert.

> Die Verwaltung wird verschlankt und entbürokratisiert.
Die kirchenaufsichtlichen Genehmigungen werden deutlich reduziert.

Fazit

Das vorliegende Konzept möchte eine Richtung vorgeben für eine Kirche, die zukunftsfähig ist, in der Aufbau statt Abbau im Mittelpunkt steht. Es ist zugleich ein Systemwandel gegenüber den Reformbemühungen der letzten Jahrzehnte und der gegenwärtig angedachten Transformation. Eine Gemeindekirche versteht sich als „Reformbewegung von unten“, „Reformen von oben“ waren meist zum Scheitern verurteilt. Die Landeskirche treibt die Schaffung von Regionalgemeinden in großen schnellen Schritten voran, ohne eine genaue Planung und Konzeption dazu vorlegen zu können.
„Es wird alles rechtzeitig mitgeteilt, manches muss erst noch erarbeitet werden“, so heißt es immer wieder in Verlautbarungen. Pfarrerinnen und Pfarrer vor Ort werden außen vorgelassen, sollen sich gedulden, werden in den Reformprozess nicht eingebunden, sollen dann aber „von oben Beschlossenes“ 1:1 umsetzen. Und im Amtsblatt werden schon Pfarrstellen für Regionalgemeinden ausgeschrieben.

Leitend für eine Gemeindekirche ist die Erkenntnis, dass die Kirche in den Kirchengemeinden vor Ort lebt, dass die Bindung zur Kirche im überwiegenden Maß über die Ortsgemeinde stattfindet. Forschungen zeigen deutlich, dass Austritte sich an der Frage entscheiden, ob ich in meiner Ortsgemeinde eine Heimat habe oder nicht. Die Nähe zu den Menschen ist grundlegend für eine zukunftsfähige Kirche. Kirchengemeinden sind und bleiben AnwältInnen hilfsbedürftiger und aus dem gesellschaftlichen Leben herausgefallener Menschen. Für die Verkündigung des Evangeliums und für das Feiern der Sakramente ist die Nähe zu den Menschen durch nichts zu ersetzen.

Ein Aufbruch in der Kirche kann letztlich nur ein Werk des Heiligen Geistes sein. Das Evangelium schafft Gemeinde. Die Mahnung von Dietrich Bonhoeffer sollten wir bei unserer Sorge um die Zukunft der Kirche beherzigen:

„Kein Mensch baut die Kirche, sondern Christus allein. Wer die Kirche bauen will, ist gewiss schon am Werk der Zerstörung; denn er wird einen Götzentempel bauen, ohne es zu wollen und zu wissen. Wir sollen bekennen – ER baut. Wir sollen verkündigen – ER baut. Wir sollen zu ihm beten – ER baut. Wir kennen seinen Plan nicht. Es ist ein großer Trost, den Christus seiner Kirche gibt: Du bekenne, verkündige, zeuge von mir. Ich allein aber will bauen, wo es mir gefällt. Fahr mir nicht ins Regiment. Kirche, tu du das Deine recht, dann hast du genug getan. Aber tue es auch recht. Sieh nicht nach Meinungen und Ansichten, frage nicht nach Urteilen, …“ (GS IV 134f)

Im Namen des Gemeindebundes Bayern

Dr. Gerhard Schoenauer
1. Vorsitzender des Gemeindebundes Bayern

„Ihre echte Einheit kann die … Kirche nur auf dem Weg gewinnen, dass sie … der Gemeinde als Trägerin der Wortverkündigung den ihr gebührenden Platz lässt.“
Barmer theologische Erklärung
„Die Gemeinden sind nicht Ortsvereine der Landeskirche. Und alles, was in den Kirchen oberhalb der Gemeinde vor Ort angebaut worden ist, dient nur der Gemeinde – ansonsten sind es überflüssige Super-Strukturen.“
Jürgen Moltmann bei dem öffentlichen Festvortrag zur Barmer Theologischen Erklärung zum Auftakt des Studientages der vier kirchenleitenden Organe der ELKB
„Kirche von oben brauchen wir nicht! Aber Menschen von unten; davon kann der liebe Gott nicht genug kriegen!“
Hans Dieter Hüsch,
Glocken des Frohsinns
„Kirchenreformen und der Neuaufbau der Kirche werden an jener Basis einsetzen, wo Menschen in überschaubaren Gemeinden das Evangelium hören … Die großkirchlichen, übergemeindlichen Organisationen nehmen den konkreten Gemeinden ihre Selbstständigkeit und oft auch ihre Eigenständigkeit … Die einzelnen und die kirchlichen Organisationen können sich nur an einem Ort wirklich finden: In der versammelten Gemeinde. Nur in der versammelten Gemeinde wird die Christenheit aktions- und widerstandsfähig.“
Jürgen Moltmann, Kirche in der Kraft des Geistes, S. 361
„Der Begriff ´Gemeindekirche´ macht Einsichten aus der Theologie D. Bonhoeffers für die anstehenden Strukturreformen der Kirche fruchtbar. Es handelt sich um einen theologischen Begriff, der die Gemeinschaft der Glaubenden und die Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat erneut in den Mittelpunkt stellt.“
These des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins in seiner Resolution „Auf dem Weg zu einer Gemeindekirche“
„Dass eine christliche Versammlung oder Gemeinde Recht und Macht habe, alle Lehre zu beurteilen und Lehrer zu berufen, ein und abzusetzen, Grund und Ursache aus der Schrift.“
Martin Luther 1527
„Die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung macht ausdrücklich deutlich, dass die Verbundenheit mit der Ortsgemeinde mit der Verbundenheit mit der evangelischen Kirche gleichzusetzen ist … Damit ist die Kirchengemeinde – ganz nüchtern und rein faktisch konstatiert – nach wie vor die mit Abstand wichtigste Drehscheibe der Kirchenmitgliedschaft.“
Gerhard Wegener, ehemaliger Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD
„Die zentrale Erwartung aller Kirchenmitglieder bleibt die qualitative Kommunikation in einer konkreten Gemeinde vor Ort durch den klassischen Berufsstand.“
Thies Gundlach, ehemaliger Vizepräsident der EKD
„Eine Kirche, die nicht bei den Menschen am Ort bleibt, mag in ihren Initiativgruppen so fortschrittlich oder so gläubig wie nur möglich sein, in ihrer landeskirchlichen Gestalt so exakt und technokratisch wie nur denkbar, in ihrer ökumenischen Gestalt so weltweit und konziliar wie nur vorstellbar, so hat sie dennoch versagt, wenn sie der anstrengenden Nähe des Nächsten am Ort ausweicht …“
Christian Möller
Kirche muss „das Konzept einer volkskirchlich-flächendeckenden Prägung …“ endlich wieder als große Chance für ihren Verkündigungs- und Seelsorgeauftrag begreifen und nicht als lästigen Mühlstein an ihrem Hals empfinden. Dazu muss sie ihre Ortsgemeinden wieder ernstnehmen und ihnen die geldlichen und personellen Mittel lassen, die ihr die Kirchensteuerzahler für kirchliche Gemeindearbeit jährlich im guten Glauben anvertrauen.
Herbert Dieckmann,
Pfarrerverein Hannover
Die Synoden sind nicht bloß die Gemeinden beratend, sondern sie beschließen im Namen der Gemeinde.
Wilhelm Löhe, GW 5.1. S. 320
Die Reformvorlagen konzentrieren Entscheidungsmacht nach oben: die Alternative wäre, diese nach unten zu konzentrieren: die Handlungsfähigkeit der Basis stärken, damit die Gemeinden in ihrer regio-lokalen Vernetzung sich auf das konzentrieren können, was nur sie leisten.
Peter und Gabriele Scherle
In: Zeitzeichen vom 13.04.26

Ein sehr zu empfehlender Artikel!
Eine regionale Steuerung wäre … ein weiterer Schritt hin zu einer Funktionärskirche, deren Schwächen… schon heute unübersehbar sind. … Die oberen Ebenen inklusive der landeskirchlichen Vielfachstrukturen, die bisher verblüffend unangetastet bleiben, werden auf das Nötigste verschlankt …